Am morgigen Donnerstag tagt der Wiesbadener Mobilitätsausschuss. Die Tagesordnung findet sich wie gewohnt im PiWi. Dominierendes Thema ist – wenig überraschend – die Salzbachtalbrücke. Aber auch die Themen Emissionsfreier ÖPNV, die Parkhäuser an der Klarenthaler und der Berliner Straße. Nach dem tödlichen Unfall Anfang Juni finden auch Maßnahmen zur Verkehrssicherung auf dem Hafenweg ihren Platz auf der Agenda. Einige Punkte verdienen eine detailliertere Betrachtung.

21-F-69-0003: Verkehrschaos entgegenwirken (CDU, FDP, BLW/ULW/BIG)

Salzbachtalbrücke sei Dank ist das Verkehrschaos unzweifelhaft da. „Die notwendig gewordene Sperrung der Salzbachtalbrücke ist für die Stadt Wiesbaden und ihren Verkehr höchst problematisch, da nicht nur der motorisierte Individualverkehr von der Sperrung betroffen ist, sondern auch der öffentliche Personennahverkehr.

On Top zu den bereits ergriffenen Maßnahmen schweben den Antragstellern mit dem Ziel „Oberstes Ziel aller
Maßnahmen sollte die Sicherstellung des fließenden Verkehrsflusses sein.
“ weitere vor:

  • Freigabe der Umweltspuren
  • Freigabe des Rechtsabbiegens (aka Landeshaus)
  • Außerbetriebnahme der Pförtnerampeln
  • keine Diskussionen über Temporeduzierungen

Grundsätzlich kann eine geringere Höchstgeschwindigkeit den Verkehrsfluss insgesamt verbessern. Ob oder ob nicht das hier greift, muss simuliert werden und lässt sich pauschal nicht beantworten. Und dabei ignorieren wir mal, dass bei der aktuellen Verkehrslage Tempo 30 noch 50 ohnehin illusorisch sind.

Ähnlich uneindeutig ist der Effekt der „Freigabe des Rechtsabbiegens“ (aka Landeshaus) zu bewerten. Diese kann den Verkehrsfluss für den Autoverkehr verbessern – kann diesen aber auch verschlechtern. Denn die Stauquelle ist derzeit hauptsächlich die Biebricher Allee – seien es die Anschlussstelle an der A66 oder die Kreuzung zur Kasteler Straße. Dieser Stau strahlt früher oder später auch auf den 1. Ring aus. Durch den derzeitigen U-Turn bekommt der 1. Ring knapp 400 Meter mehr Aufstellfläche für wartende Autos, die in die Allee einfahren wollen, aber nicht können. Davon sind weite Teile vier- bis fünfspurig – Pufferfläche gewissermaßen. Durch Abbieger über das Landeshaus (der den Stau auf der Allee selbst nicht verkürzt) wirkt sich der Rückstau viel früher und direkter auf den 1. Ring aus – und behindert dort auch den Geradeausverkehr in Richtung Hauptbahnhof – im Gegensatz zum U-Turn.

Für den Verkehrsfluss des Rad- und Busverkehrs wäre diese Maßnahme (analog zur „Freigabe der Umweltspuren“) hochgradig kontraproduktiv – dazu später mehr.

Über Pförtnerampeln

Pförtnerampeln haben grundsätzlich die Aufgabe, Verkehr aus bestimmten Gebieten herauszuhalten und nur so viel Fahrzeuge durchzulassen, wie von den nachfolgenden Straßen verarbeitet werden kann. Bekannter sind Ampeln als Zuflussregelung an vereinzelten Autobahnauffahrten.

Stau ist kein lineares Phänomen – grade in kreuzungsreichen Innenstadtvierteln können ein paar mehr Fahrzeuge dazu führen, dass sich der Verkehrsfluss überproportional verschlechtert – weil die Fahrzeuge Kreuzungen blockieren oder gar nicht einfahren können und damit nachfolgende Fahrzeuge in andere Richtungen behindert werden – obwohl diese Richtungen womöglich frei sind. Die Lösung: Die Anzahl Fahrzeuge, die sich zur selben Zeit im fraglichen Gebiet befinden, regulieren – und die anderen solang draußen warten lassen.

Und so hat auch die Stadt Wiesbaden Pförtnerampeln installiert – zuletzt an der Berliner Straße in Fahrtrichtung 1. Ring. Nun kann eine Pförtnerampel nicht den Ausfall der Salzbachtalbrücke kompensieren. An den Live-Bildern zur Verkehrslage lässt sich diese Ampel aber gut erkennen – sie hält einen Teil des Staus draußen (hier auf der Berliner Straße statt auf dem 1. Ring.)

Wer erkennt die Pförtnerampel? Die aktuelle Verkehrslage (GMaps) am Montag, dem 21. Juni, gegen 07:00 Uhr.
Standort der Pförtnerampel und der durch sie freigehaltene Bereich. Hier: Der Abschnitt zwischen Ampel selbst und dem 1. Ring (inkl. Kreuzungsbereich).

Pförtnerampeln können generell den Verkehrsfluss insgesamt (!) verbessern – genauer gesagt ist das ihr originärer Existenzgrund. Ob oder ob nicht diese konkrete Ampel in dieser konkreten Schaltung in dieser konkreten Situation für eine Verbesserung des Verkehrsflusses insgesamt sorgt, lässt sich von mir durch fehlende Daten nicht beurteilen.

Damit die Abschaltung der Pförtnerampel an beispielsweise der Berliner Straße den (Auto-)Verkehrsfluss aber verbessert, müsste sie ihn heute verschlechtern. Denn ob sich die Fahrzeuge an der Pförtnerampel oder eine Ampel weiter stauen, ist für den Verkehrsfluss unerheblich. Auch hat die Verlagerung des Staus 300 Meter weiter keine positiven Auswirkungen auf den nachgelagerten Verkehrsfluss am 1. Ring.

Es bleiben zwei grundsätzliche Varianten, in denen diese Pförtnerampel den Verkehrsfluss insgesamt verschlechtern kann: Zum einen, wenn sie Fahrzeuge zurück hält, obwohl die nachgelagerten Straßen (hier beispielsweise der 1. Ring) diese Fahrzeuge hätten verarbeiten können. Oder aber der Rückstau, der an der Pförtnerampel entsteht, sorgte an vor der Ampel liegenden Abschnitten für Behinderungen von anderen Verkehren – obwohl der Abschnitt hinter der Ampel frei gewesen wäre. Beides ließ sich so anhand der live-Verkehrslage am Montag (dem ersten und dadurch chaotischsten Werktag nach der Sperrung) nicht erkennen.

Umweltspur und der Verkehrsfluss

Gleiches Recht für alle – und so wirkt es naheliegend, die Umweltspuren des 1. Rings auch für den Autoverkehr (genauer: den Stau) freizugeben. Während die Ursprungsorte, an denen der Stau entsteht, dadurch unangetastet bleiben, wirkt die Idee, mehr Spuren zum Stauen zu haben, verlockend.

Eine Verstopfung löst man, indem der Pfropf beseitigt wird – nicht, in dem irgendwo anders das Rohr verbreitert wird. Denn dann staut es sich zwar breiter, aber insgesamt nicht weniger. Die einzig valide Hoffnung hier könnte sein, dass eine dritte Spur für den Stau des MIV auf dem 1. Ring dafür sorgt, dass sich die Verkehre besser entflechten und so beispielsweise die auf Einfahrt in die Biebricher Allee wartenden Autos die geradeausfahrenden weniger behindern.

So oder so hat die Freigabe der Umweltspuren aber massiv negative Einflüsse auf den Verkehrsfluss der Busse und des Radverkehrs. Das haben wir mithilfe der RMV-Live-Daten für die betroffenen Buslinien bereits ausführlich belegt.

Anträge im Detail

KomplexAntragTitelFraktion(en)
SalzbachtalbrückeSachstand Salzbachtalbrücke
Krisenmanagement Verkehr während der Salzbachtalbrücken-Sperrung
21-F-69-0003Dem Verkehrschaos entgegenwirkenCDU, FDP, BLW/ULW/BIG
Elektrobusse21-V-05-0011Sachstand zur Ausschreibung von 140 emissionsfreien Gelenkbussen
21-F-70-0001Emissionsfreier ÖPNV 2023?CDU, FDP, Volt und FW/Pro Auto
21-F-16-0002Umrüstung der Wiesbadener Busflotte auf ElektromobilitätBLW/ULW/BIG
ParkhäuserZiel der VorlageErrichtung eines Parkhauses an der Klarenthaler Straße zur Versorgung des Gebietes mit Parkraum
21-F-63-0005Erweiterung der Planungen für das Parkhaus an der „Klarenthaler Straße“Grüne, SPD, Linke, Volt
21-V-61-0019Bebauungsplan „Parkhaus Berliner Straße“ im Ortsbezirk Südost
21-F-71-0001Ergänzungsantrag zur SV 21-V-61-0019 Bebauungsplan „Parkhaus Berliner Straße“ im Ortsbezirk Südost – EntwurfsbeschlussGrüne, SPD, Linke, Volt
Sonstiges21-F-63-0006Sicherheitsmaßnahmen für den Rad- und Fußverkehr auf dem HafenwegGrüne, SPD, Linke, Volt
21-F-55-0017Optimierung der Umsteigewege von Linie 1, Haltestelle Schiersteiner Str.Linke
21-F-63-0004Eine Buslinie für den Wiesbadener OstenGrüne, SPD, Linke, Volt
21-F-22-0007Diskussion zu Tempo 30 auf die Sachebene zurückführenCDU, FDP


mathias

Aufgewachsen in Berlin, seit acht Jahren Wahl-Wiesbadener. Eigentlich Nordost, im Herzen aber Westend. Regelmäßiger Radler und Carsharing-Nutzer, beruflicher Verkehrsplaner (SGV). Faible für Daten, Karten und Grafiken.

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Kiki

Gibt’s eine Erklärung, weshalb die 3 eher linken Kleinpartein zusammen mit der FDP/CDU einen solchen Antrag stellen?

Kiki

Na der Erste, „Verkehrschaos entgegenwirken“ 21-F-69-0003

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