Seit Ende Mai 2021 stehen sie in Wiesbaden: Die blauen E-Roller, lokal coloriert unter dem Namen wies-e. Acht Monate nach dem Start in Mainz (meenz-e) steht damit auch in Wiesbaden ein Elektroroller-Sharing zur Verfügung, bereitgestellt von der e.on-Tochter süwag. Auch Bad Homburg, Frankfurt, Neuwied und Freiburg freuen sich bisher über diese Roller.

TL;DR: Die Elektroroller sind in Wiesbaden angekommen. Sie werden im Schnitt 40 Mal am Tag gefahren, bei Regen (und im Herbst allgemein) seltener als die Sommermonate zuvor. Die meisten Fahrten finden mit unter 5 Kilometern auf der Kurzstrecke statt. Nur etwa jede 20. Fahrt wechselte zwischen Mainz und Wiesbaden. Der Kollaps der Salzbachtalbrücke hat (abgesehen vom Tag X selbst) zu keiner offensichtlichen Steigerung der Fahrtanzahl geführt; die peripheren Bahnhöfe Kastel, Ost und Biebrich sind allerdings beliebte Fahrtziele. Analysezeitraum: Juni-November 2021.

Es waren bewegende Monate zum Start eines neuen Mobilitätsangebotes. Sommerferien, Herbstferien, mehrere Bahnstreiks und die Vollsperrung der Salzbachtalbrücke sind durchaus einschneidende Ereignisse für das Verkehrsverhalten der Wiesbadenerinnen und Wiesbadener.

Ein wies-e-Roller wartet auf Fahrer – hier am Luisenforum.

Zahlen, Zahlen, Zahlen

Untersuchungszeitraum

Die folgende Analyse umfasst den Start der Roller-Angebote in Wiesbaden (Ende Mai) bis einschließlich November 2021. Sie Datenerfassung lief – bis auf einzelne Aussetzer, die im Diagramm ersichtlich sind – durchgehend. In den Untersuchungszeitraum fallen der beinahe-Kollaps der Salzbachtalbrücke (am 18. Juni 2021), die Sommer-/Herbstferien in Hessen und Rheinland Pfalz sowie alle drei Bahnstreiks der GDL.

Zur Datengrundlage: Die Standorte der Roller sind auf der Karte des Anbieters – gemeinsam mit weiteren Informationen wie Kennzeichen oder Akkuladestand öffentlich abrufbar. Als Fahrt wird identifiziert, wenn der Roller zwischen zwei Zietpunkten sowohl den Standort ändert als auch der Ladestand der Batterie sinkt. Theoretisch kann ein Roller zwischen zwei Datenabzügen mehrere Fahrten absolvieren, diese können in den Rohdaten nicht differenziert werden und erscheinen als eine Fahrt. Durch das recht kurze Intervall zwischen zwei Abzügen ist das aber unwahrscheinlich. Aus diesem Grund sind die auch Daten vom Tag direkt vor den Aussetzern nicht aussagekräftig.

Betrachtet werden die E-Roller der Städte Mainz und Wiesbaden - beide werden in den kommenden Absätzen gemeinsam betrachtet. Sollten sich in diesem Zeitraum Roller aus beispielsweise Frankfurt nach Wiesbaden verirrt haben, werden diese nicht berücksichtigt.

Hat sich nach Wiesbaden verirrt: Ein Roller des Mainzer Pendants meenz-e.

Anzahl Fahrten

Die Elektroroller sind, je nach Tag, zwischen 30 und 60 Mal unterwegs. Spitzenreiter ist mit 77 registrierten Fahrten Freitag, der 18. Juni - der Tag, an dem die Salzbachtalbrücke nachgab. Die Verkehrslage infolge der unangekündigten Vollsperrung der A66 und des Bahnverkehrs katastrophal, der Busverkehr steckte auf den Ausweichrouten weitestgehend fest. Viele Menschen waren hier kurzfristig auf Alternativen angewiesen. Aber auch der 14. August - der Samstag unmittelbar nach dem 1. Bahnstreik - sticht mit 68 Fahrten heraus.

Der Einfluss der Bahnstreiks auf das Nutzungsmuster der Roller lässt sich allerdings schwer identifizieren, denn durch die Salzbachtalbrücke war der Zugverkehr in Wiesbaden ohnehin weitestgehend eingestellt. Auch versagte die Datenerfassung (wie im Diagramm oben dargestellt) ausgerechnet während des längsten Bahnstreiks Anfang September.

Die Sommer- und Herbstferien scheinen auf den ersten Blick keine signifikanten Veränderungen herbeigeführt zu haben. Im Verlauf des Herbst ist lediglich ein langsamer Abwärtstrend erkennbar, der vermutlich auf die kürzer werdenden Tage sowie die sinkenden Temperaturen verursacht wird.

Fahrtentfernungen

Die erfassten Daten lassen zwei Möglichkeiten zu, sich der gefahrenen Entfernung zu nähern. Einerseits erlaubt die Kenntnis über Start- und den Zielort ein (Bestweg-)Routing. Andererseits ermöglicht die Veränderung des Batterieladestandes eine Approximation an die Fahrtentfernung.

Bestwegentfernung

Sind Start- und Ziel eines Trips bekannt, ermöglichen online-Services wie der OpenRouteService ein automatisiertes Routen. Mit Blick auf die E-Roller wurden die Routen hier so errechnet, dass keine Autobahnen genutzt werden - besonders für Fahrten zwischen Mainz und Wiesbaden sowie zwischen Wiesbaden und AKK wären dies sonst gern genutzte Straßen.

Diese Bestwegmethode hat allerdings Schwächen. Nicht immer ist der direkte (=kürzeste oder schnellste) Weg auch der, der tatsächlich gefahren wurde. Menschen fahren Umwege - aus Gewohnheit oder weil sie eine andere Strecke als schöner oder sicherer empfinden. Vielleicht war ausgerechnet an diesem Tag Stau, eine Baustelle oder ein Unfall. Auch wird die möglichst direkte Fahrt von A nach B nicht jedem Anlass gerecht. Fahrten aus Spaß, zum Ausprobieren der neuen Roller oder schlichtweg zum Bringen/Abholen von Dingen werden damit nicht adäquat abgebildet.

Annäherung über Akkuverbrauch

Die Roller des chinesischen Herstellers NIU (Typ N1) schaffen laut Anbieter knapp 46 km/h und haben eine Reichweite von rund 50 Kilometern. Genug für Touren innerhalb der Stadt oder beispielsweise Fahrten zwischen Mainz und Wiesbaden.

Die zweite Variante nähert sich über den Unterschied des Akku-Ladestandes. Mit einer angegebenen Reichweite von 50 Kilometern pro Akkuladung ergibt sich so - rechnerisch - eine Reichweite von 500 Metern pro Prozentpunkt Ladestand. Der Akkuverbrauch hängt allerdings noch von einer Reihe weiterer Faktoren ab: Der gefahrenen Geschwindigkeit, der Bremsvorgänge, Steigungen, das beförderte Gewicht, die Außentemperatur. Nicht zuletzt auch von der Ausgelutschtheit der Batterie selbst: Ein brandneuer Akku hat bei 100% Ladestand schließlich mehr Energie gespeichert als ein Exemplar, welches bereits monatelang im Außeneinsatz ist.

Der anekdotische Versuch einer Verifizierung: Der weiteste Trip des Erfassungszeitraumes lief von der Rheinstraße in der Wiesbadener Innenstadt nach Frankfurt-Bockenheim, Bahnhof West. Die Bestwegsentfernung zwischen beiden Punkten (ohne Autobahn): 35,8 Kilometer. Dazu verbrauchte der Roller 61% seines Akkus. Damit läge die Entfernung sogar bei knapp 580 Metern pro Prozentpunkt Akkuladung.

Abgleich: Bestwegentfernung vs. Akkuverbrauch

Zwar zeigen beide Näherungsvarianten, dass die meisten Fahrten zwischen einem und vier Kilometern stattfinden. Die Roller sind also primär auf kürzeren Strecken im Einsatz - in dem Intervall, das gleichzeitig Heupteinsatzbereich der Wiesbadener Fahrräder ist. Gleichzeitig werden allerdings 40% aller Wege unter vier Kilometern in Wiesbaden mit dem Auto zurückgelegt. Welches Verkehrsmittel hier also durch die Roller primär ersetzt wird, ist nicht ganz ersichtlich.

In den meisten Fällen legt der Akkuverbrauch aber eine höhere, zurückgelegte Entfernung nahe - was dafür spricht, dass die Nutzer häufig etwas umwegig fahren. Auch (Hin-&Zurück-)Besorgungs- oder Spaßfahrten dürften längere Wege zurücklegen, als es die direkte Route zuließe.

Pendelstrecken

Start- und Zielorte
Your Diagram Titlevon Wiesbaden → nach Wiesbaden: 3.050von Mainz → nach Mainz: 2.254von Wiesbaden → nach Mainz: 148von Mainz → nach Wiesbaden: 123von Mainz → nach Wiesbaden (AKK): 47von Wiesbaden → nach Wiesbaden (AKK): 40von Wiesbaden (AKK) → nach Mainz: 31von Wiesbaden (AKK) → nach Wiesbaden: 8von Wiesbaden → nach Frankfurt: 1von Wiesbaden → nach Flörsheim: 1von Wiesbaden (AKK) → nach Wiesbaden (AKK): 1von Wiesbaden: 3.240von Wiesbaden: 3.240nach Wiesbaden: 3.181nach Wiesbaden: 3.181nach Wiesbaden (AKK): 88nach Wiesbaden (AKK): 88nach Mainz: 2.433nach Mainz: 2.433nach Frankfurt: 1nach Frankfurt: 1nach Flörsheim: 1nach Flörsheim: 1von Mainz: 2.424von Mainz: 2.424von Wiesbaden (AKK): 40von Wiesbaden (AKK): 40

Angesichts dieser kurzen Strecken überrascht es nicht, dass die Roller meistens für Fahrten innerhalb Wiesbadens oder innerhalb von Mainz genutzt werden. Von den knapp 5.700 Fahrten des Erfassungszeitraumes blieben 3.070 innerhalb Wiesbadens (ohne AKK) bzw. 2.250 Fahrten innerhalb von Mainz.

Allerdings wechselten auch knapp 270 FahrerInnen zwischen Wiesbaden und Mainz. Insgesamt 128 Fahrte starteten oder endeten in AKK. Zwei mutige Rollerfahrer schafften es nach Flörsheim bzw. Frankfurt.

Häufigste Ziele

Wenig überraschend konzentrieren sich die häufigsten Abstell- (und damit Ziel-)Orte auf die Wiesbadener Innenstadt - dem Geschäftsgebiet der E-Roller. Nur die innenstadtnahen Bereiche von Biebrich, Dotzheim und Klarenthal sind ebenfalls enthalten.

Zusätzlich sind einzelne, zusätzliche Abstellorte definiert - der Sonnenberger Hofgartenplatz, die Wartestraße in Bierstadt sowie die Bahnhöfe Biebrich, Ost und Kastel. Die Bahnhöfe wurden - so zeigen die Daten - auch gern angefahren.

Wochentag und Uhrzeit

Der Tagesverlauf der Rollernutzung zeigt ein nicht ganz-typisches Muster für den Verkehrsbereich. Üblicherweise zeigen diese ein deutliches Peak in den Morgenstunden und ein etwas flacheres, aber länger laufendes Plateau im abendlichen Berufsverkehr.

Tatsächlich liegt die Haupt-Nutzung der Roller aber in den Nachmittags- und Abendstunden. Kleinere Peaks sind morgens sowie 12 Uhr Mittags erkennbar. Samstag und Sonntag entfällt die morgendliche Spitze.

Das Peak am späten Nachmittag spricht eher für Einkaufs-/Freizeitfahrten als für die Nutzung als Verkehrsmittel zum täglichen Pendeln.

Nutzung bei Niederschlag

Es überrascht wenig, dass Niederschlag einen spürbaren Einfluss auf das Fahrverhalten mit den E-Rollern zu haben scheint. Von den fünf Tagen in August und September mit vergleichsweise starken Regenfällen liegen die Fahrtzahlen an vieren unter dem erwarteten Wert1Im Anflug der Einfachheit haben wir den Durchschnittswert im Wochenverlauf als erwarteten Wert angenommen.. Am stärksten ist der Unterschied am 15. September - die Fahrtzahl liegt hier um fast 50% unter dem durchschnittlichen Wert für einen Mittwoch. Im Gegensatz zu den anderen Tagen regnete es an diesem Tag aber auch nicht kurz und schlagartig, sondern mehrfach über den Tag verteilt.


mathias

Aufgewachsen in Berlin, seit acht Jahren Wahl-Wiesbadener. Eigentlich Nordost, im Herzen aber Westend. Regelmäßiger Radler und Carsharing-Nutzer, beruflicher Verkehrsplaner (SGV). Faible für Daten, Karten und Grafiken.

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