Update endgültigen Ergebnis: Tatsächlich kam es zu der geschilderten Verschiebung im Rahmen der Nachzählung. Dazu Details unten.

Im Nachgang der Kommunalwahl berichtet der Kurier über ein haarscharfes Ergebnis: Die P.A.R.T.E.I hat den Sprung ins Parlament nur um Nanometer verpasst. Grund genug, Excel anzuwerfen und nachzurechnen: Wieviele Stimmen hätten die jeweiligen Parteien und Listen gebraucht, um sich einen weiteren Sitz in der Wiesbadener Stadtverordnetenversammlung zu sichern? Wir haben mit dem verwendeten Hare/Niemeyer-Verfahren nachgerechnet.1

Das Ergebnis ist denkbar knapp für die PARTEI: Hier fehlen nur 65 Stimmen zum Mandat. In die Gegenrichtung ist es ähnlich knapp: Hätte die CDU nur 110 Stimmen weniger, ginge der Sitz ebenfalls die PARTEI. Zur Erinnerung: Jeder Wähler hat 81 Stimmen – es geht also um weniger als insgesamt zwei Listenkreuze.

Die Implikationen wären nicht von der Hand zu weisen: Ein Mandat der PARTEI zulasten der CDU verschöbe die ohnehin knappen Mehrheitsverhältnisse der Stadtverordnetenversammlung – die bisherige Kooperation hätte dann wieder eine (hauchdünne) Mehrheit.

Für die anderen Parteien sehen die Antworten unterschiedlich aus – von knapp 5.500 Stimmen bei den Freien Wählern bis zu 135.000 Stimmen für die CDU. Das zusätzliche Mandat der CDU ginge zulasten der AfD. Bei allen anderen 14 Parteien ginge das Mandat, egal wer es hinzugewänne, zulasten der CDU.

In zwei Fällen käme es bei einem wohl einmaligen Vorgang: Mit 16.410 stimmen mehr für die BLW verlöre die CDU einen Sitz – dieser müsste dann aber zwischen BLW und PARTEI gelost werden. Für die PdF gilt dasselbe. Den Sitz gewinnen diese dann eindeutig erst mit 16.411 (BLW) bzw. 36.969 (PdF) Stimmen.

Zur Vollständigkeit (und eher akademischer Natur) dieselbe Rechnung nochmal in die Gegenrichtung: Wie viele Stimmen müsste eine Partei weniger haben, um ein Mandat weniger zu erreichen?

313 Stimmen ändern das Ergebnis

Das Verfahren, mit dem nach Wahlen in Hessen die Sitze des Parlaments verteilt werden, verhält sich bei Unterschieden im Nachkommabereich zuweilen nicht intuitiv. Grob gesagt, verteilt das Hare/Niemeyer-Verfahren die Plätze im ersten Schritt nach dem abgerundeten Verhältnis zwischen der Anzahl an Sitzen und dem prozentualen Ergebnis.

Rechenbeispiel: Das Wiesbadener Stadtparlament hat 81 Sitze. Die SPD erhielt 22,3% der Stimmen:

81 Sitze * 22,3 % = 18,08 Sitze –> abgerundet 18 Sitze.

Mit dieser Methode werden im ersten Schritt in Wiesbaden bei dem Wahlergebnis 76 Sitze verteilt. Die verbliebenen Sitze (hier: fünf) gehen an diejenigen Parteien, die dann im Nachkommabereich die größten Anteile haben. Im konkreten Fall sind das CDU, AfD, volt, Gerechtigkeitspartei und die FWG.

In eben jenem Nachkommabereich liegen CDU und PARTEI extrem dicht beieinander: Die CDU bei 0,4373 – die PARTEI bei 0,4364. Bei kleinen Verschiebungen im Nachkommabereich kann es durchaus (und entgegen der Intuition) passieren, dass mehr Stimmen für eine Partei dazu führt, dass eine andere Partei ein zusätzliches Mandat bekommt. Häufig gewinnen bei solchen Sprüngen kleine Parteien, größere verlieren.

Skurrilerweise muss die PARTEI daher die zusätzlichen Stimmen nicht einmal selbst bekommen. Beim jetzigen Wahlergebnis würde es reichen, wenn alle anderen 13 Parteien (ausgenommen CDU und PARTEI) zusammen insgesamt 313 Stimmen mehr bekämen – und der Sitz ginge an die PARTEI.

Zur Erinnerung: Jeder Wähler hat 81 Stimmen. Angesichts auch von (derzeit) 3.629 ungültigen Wahlzetteln bleibt es also spannend.

Exkurs: Sitzverteilungsverfahren in Deutschland

Bei Kommunalwahlen in den Deutschen Bundesländern kommen derzeit drei verschiedene Verfahren der Sitzverteilung zum Zuge – der Unterschied liegt im Wesentlichen bei der Frage, wie gerundet wird und wie mit den Nachkommastellen umgegangen wird: (1) Hare/Niemeyer (wie in Hessen), (2) das Verfahren nach d’Hondt (nur noch im Saarland) und (3) nach Sainte-Laguë. Die Hessische Landesregierung hatte eigentlich einen Wechsel zum Verfahren nach d’Hondt beschlossen; dieser Beschluss wurde aber im Januar 2026 von Staatsgerichtshof kassiert.

  1. Die Ergebnisse gelten bei sonst gleichen Stimmverteilungen – die Anzahl Stimmen aller anderen Parteien bleibt also jeweils identisch. ↩︎

Update zum endgültigen Ergebnis

Am Freitag, dem 27. März tagte der Wahlausschuss der Stadt Wiesbaden. Neben einer kleinen Überraschung in einem Briefwahlbezirk in Nordost kam es, wie es die oben geschilderte Knappheit vermuten ließ – bei der Nachschau der (zunächst) ungültigen Stimmzettel konnten einige geheilt werden. So sei es häufiger vorgekommen, dass zwei Listenkreuze und zusätzlich Personenstimmen als ungültig gewertet wurden. Die Personenstimmen sind aber gültig.

Waren beim vorläufigen Ergebnis noch 3.629 Stimmzettel als ungültig markiert, waren es nach der Prüfung durch den Wahlausschuss noch 3.380. 249 Stimmzettel konnten also (teilweise) geheilt werden, dadurch insgesamt 3.974 Personenstimmen zusätzlich gezählt.

Diese Stimmen verteilen sich allerdings recht ungleichmäßig – am meisten profitiert hat hier die AfD, am wenigsten die BLW. Als einzige Partei hat die SPD bei der Überprüfung durch den Wahlausschuss Stimmen verloren. Unterm Strich sorgte diese Stimmverschiebung für eine kleine Sensation.

Die CDU hatte so nicht mehr 26,4659% der Stimmen, sondern 0,0084% weniger. Die PARTEI legte um 0,004% zu. Diese minimale Verschiebung führte durch die oben geschilderte Knappheit zum Verlust eines Sitzes bei der CDU-Fraktion – im Gegenzug zieht die PARTEI nun erneut in die Stadtverordnetenversammlung ein.

Anteil kumulierter und panaschierter Stimmen

Am Ende bleibt eine Betrachtung – wie viele der Stimmen haben die jeweiligen Parteien von veränderten Stimmzetteln erhalten haben. Bis auf zweieinhalb Ausreißer (PdF, PARTEI und Team Todenhöfer) ist die Antwort gleich: rund zwei Drittel der Stimmen jeder Partei stammt von unverändert angekreuzten Stimmzetteln.

Ein Drittel der Stimmen stammt damit von veränderten Wahlzetteln. Allerdings ist aktuelle nicht weiter aufdröselbar, in welchen Teilen hier kumuliert und/oder panaschiert wurde. Das wird erst die detaillierte Wahlanalyse der Stadt zeigen.

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mathias

Aufgewachsen in Berlin, seit über einem Jahrzehnt Wahl-Wiesbadener. Eigentlich Nordost, im Herzen aber Westend. Regelmäßiger Radler und Carsharing-Nutzer, (zu häufig) auch E-Scooter. Ehem. Verkehrsplaner (SGV). Faible für Daten, Karten und Grafiken.

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