Seit dem Kollaps der Salzbachtalbrücke hat es der Schienenverkehr nicht einfach. Die S-Bahnlinien wurden eingekürzt und enden nun wahlweise Wiesbaden-Ost oder Mainz-Kastel und die Regionalbahn 75 wechselt zwischen Mainz Hauptbahnhof und Wiesbaden-Ost als Ziel. Der VIAS auf der Rheinschiene (RB10) fährt eine Umleitung (welche eigentlich eine Abkürzung ist).

Grafik: rmv.de

Doch die Züge des VIAS scheinen Monate nach der Vollsperrung noch immer am meisten zu straucheln. In den letzten Wochen fuhr jeder Dritte Zug unpünktlich, die Hälfte davon hatte mehr als zehn Minuten Verspätung. Besonders ärgerlich: Die meisten Verspätungen traten dabei ausgerechnet in den Stoßzeiten auf. Dabei ist der VIAS mit seiner direkten Anbindung von Schierstein, Biebrich und Kastel nach Frankfurt aktuell die attraktivste Schienenverbindung der Stadt.

Ohne Frage ist hier die Ausgangssituation – verglichen mit den anderen Linien – schwieriger. Denn die Züge der VIAS-Linien enden als einzige nicht in Wiesbaden. Und so schleppen sie Probleme des Rheintals mit – seien es Hangrutsche oder Stellwerksstörungen infolge von beschädigten Kabeln wie zuletzt Anfang November. Personalausfälle leisteten hier ebenfalls ihren Beitrag. Aber auch der rege Güterverkehr auf der Rheinschiene, mit dem sich die VIAS-Züge die Gleise teilen, verursacht Probleme, die auf den Personenverkehr ausstrahlen. Für die Pendler indes ist es aber egal, ob es für Ausfälle und Verspätungen eine gute Begründung gibt.

Hinweis: Die dargestellten Daten basieren auf der Live-Abfahrtstafel des RMV. Erfasst wurden die Bahnhöfe Wiesbaden-Hauptbahnhof, Biebrich, Kastel und Auringen.

Übersicht – Verspätungen und Ausfälle

Im Vergleich vier ausgewählter Verbindungen fallen deutliche Unterschiede auf. Der VIAS fällt durch häufige Verspätungen auf – in beide Fahrtrichtungen. Die Ländchesbahn fährt (wenig überraschend) weitestgehend unbeeindruckt. Die RB75 und die S1 verhalten sich durchwachsen – und zeigen deutliche Unterschiede in den Fahrtrichtungen. In Wiesbaden ankommende/endende Züge sind spürbar unpünktlicher als hier startende. Auch das ist aber wenig überraschend.

Verspätungen im Detail

Rheinschiene - RE9 und RB10 (VIAS)

RB21 (Ländchesbahn)

S-Bahnen (S1)

Wenig überraschend sind die Züge der S1, die in Wiesbaden-Ost starten, pünktlicher als diejenigen, die in Wiesbaden-Ost enden.

RB75

Der VIAS und die Daten

Der Blick in die Daten beantwortet allerdings nicht nur Fragen, er wirft auch einige auf. Konkret sorgen die VIAS-Ist-Daten für hochgezogene Augenbrauen.

Die RE9 und die RB10 fahren zwischen Eltville normalerweise weitestgehend dieselbe Strecke - bis auf eine Ausnahme. Während der Regionalexpress direkt von Wiesbaden-Biebrich nach Mainz Kastel fährt, biegt die Regionalbahn (normalerweise) noch einmal zum Wiesbadener Hauptbahnhof ab und macht dort Kopf. Entsprechend dauert die Fahrt von Biebrich nach Kastel mit dem Regionalexpress sieben Minuten - die Regionalbahn durch den zusätzlichen Halt hingegen 19 Minuten.

Verspätungsaufbau unplausibel

Durch die Sperrung der Gleise unter der Salzbachtalbrücke entfällt derzeit allerdings der Schlenker zum Hauptbahnhof. RE9 und RB10 fahren nun dieselbe Strecke. Da beide allerdings aus dem dicht getakteten Rheintal ins dicht getaktete RheinMain-Gebiet fahren, sind sie nach wie vor an ihre dortigen Trassen gebunden - die Konkurrenz ist durch unzählige S-Bahnen und Güterzüge enorm.

Die Regionalbahn spart durch den entfallenden Schlenker zum Hauptbahnhof zwölf Minuten Fahrzeit, kann diese durch die fixen Trassen aber nicht nutzen. In der Folge stehen die Züge der RB10 zwischen Biebrich und Ost meist zwölf Minuten und warten. Soweit, so ungut.

Eigentlich sind derartige Standzeiten aber ideal zum Abbau von Verspätungen. Bei zwölf Minuten Wartezeit kann man auch fünf Minuten zu spät ankommen und dennoch pünktlich weiterfahren. Zu erwarten wäre daher, dass verspätete Züge in Richtung Frankfurt in Biebrich eine größere Verspätung haben als in Kastel - dazwischen liegt schließlich der Zwölf-Minuten-Zeitpuffer. Analog in die Gegenrichtung.

Die Daten allerdings zeigen das Gegenteil. So sind beispielsweise die Regionalbahnen des VIAS in Fahrtrichtung Frankfurt am Mittwoch, dem 24. November, im Schnitt drei Minuten verspätet in Biebrich abgefahren. Bei der Abfahrt in Kastel hatten diese - trotz rechnerischer Zwölf-Minuten-Reserve - eine Verspätung von durchschnittlich fünfeinhalb Minuten. Die Verspätung nahm trotz des Zeitpuffers zu. Dies war an 20 der 21 erfassten Tage der Fall. Gleiches ist in der Gegenrichtung zu beobachten. Doch wie erklärt sich das?

Kurze Antwort: ¯\_(ツ)_/¯

Längere Antwort: Aktuell kann ich dazu nur spekulieren.

  1. Vielleicht ist eine Regionalbahn, die ein Mal zum Warten an die Seite genommen wurde, schwer wieder einzutakten - weil die folgenden (Güter)Züge vermutlich auch verspätet fahren. Steht sie erst einmal zum Warten, verzögert sich das Wieder-Eintakten womöglich deutlich mehr als die vorgesehenen, zwölf Minuten.
  2. Die Ist-Daten der RMV-Abfahrtstafel sind gar nicht Durchweg Ist-Daten - sondern Prognosen, die nur punktuell (beispielsweise an bestimmten Bahnhöfen oder Abzweigungen) per GPS mit dem Ist abgeglichen und korrigiert werden. Damit könnten die o.g. Daten erklärt werden, wenn:
    • Zwischen Kastel und Biebrich ein solcher Ort wäre, an dem per GPS die tatsächliche Verspätung mit der Prognose abgeglichen wird und
    • die Züge kurz vor Kastel/Biebrich systematisch Verspätung aufbauen - die Fahrtzeitprognosen also, die aus vorherigen Stellen im Zugverlauf resultieren, unterhalb der tatsächlichen Verpätung liegen.
    • Damit würden die Abfahrten in sowohl Kastel (Fahrtrichtung Rheintal) als auch Biebrich (Fahrtrichtung Frnakfurt) systematisch zu früh (=mit zu niedrigen Verspätungen) angezeigt.
  3. Der Klassiker bei Datenerhebungen und -auswertungen: Shit In, Shit Out. Oder, etwas eloquenter: Die Qualität der Auswertung kann nicht besser sein als die Qualität der Rohdaten.

Wenn euch eine weitere Option einfällt oder ihr gar die Lösung wisst - ab in die Kommentare damit!

Fast pünktlich, dennoch problematisch: Die Ländchesbahn

Das Diagramm wirkt eindeutig: Die Ländchesbahn fällt durch ihre Pünktlichkeit auf. Pünktlich im Sinne dieser Diagramme sind Züge, die weniger als fünf Minuten Verspätung haben. Fünf Minuten tun normalerweise auch nicht weh.

Nicht aber hier. Denn Niedernhausen ist (bei aller notwendigen Liebe) für kaum einen Pendler Ziel der Reise - sondern Umsteigeknoten für die Weiterfahrt nach Limburg oder Frankfurt. Bei Ankunft der Ländchesbahn in Niedernhausen zu den Minuten 29 und 59 bleiben zum Umsteigen in die S2 Richtung Frankfurt nur vier Minuten Zeit - inklusive Gleiswechsel. Das ist knapp, aber machbar - solang weder Gepäck, Kinderwagen, Fahrrad oder Rollstuhl dabei sind. Bei verspäteter Ankunft der Ländchesbahn wird das aber schon eng.

Für Umstiege in Richtung Limburg bleibt noch weniger Zeit (auch wenn hier der Gleiswechsel erspart bleibt.) Und so bleibt auch bei einer nur leicht verspäteten Ländchesbahn von ein oder zwei Minuten das reale Risiko, den Anschlusszug zu verpassen. Die Folge: 15, 20 oder 25 Minuten warten auf einem Bahnhof, dessen Aufenthaltsqualität eher gering ist.

Doch wie oft passieren diese leichten Verspätungen? Die Daten zeigen: zu oft. Etwa jeder dritte Zug, der von Auringen-Medenbach in Richtung Niedernhausen abfährt, hat eine Verspätung von ein oder zwei Minuten. In den morgendlichen Stoßzeiten zwischen 6 und 9 Uhr steigt dieser Wert auf deutlich mehr als die Hälfte an.1 Theoretisch ließe sich jetzt analysieren, wieviele Anschlüsse dennoch geklappt haben, weil der Anschlusszug ebenfalls verspätet war... Vielleicht lässt sich der Fahrplan generell hier überdenken?

Titelbild: Marco Bereth, https://blog.mahrko.de/


mathias

Aufgewachsen in Berlin, seit acht Jahren Wahl-Wiesbadener. Eigentlich Nordost, im Herzen aber Westend. Regelmäßiger Radler und Carsharing-Nutzer, beruflicher Verkehrsplaner (SGV). Faible für Daten, Karten und Grafiken.

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David

Das ist toll visualisiert! Ist der „Live-Abfahrtstafel des RMV“ denn zu trauen? Weißt du, wo die ihre Daten herbekommt? Den Anzeigen an den Bahnhöfen kann man ja leider nicht immer trauen (sowohl positive als auch negative Überraschungen habe ich damit in den letzten Wochen erlebt)

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