Auch außerhalb der üblichen Hauptverkehrszeiten bilden sich auf der Mainzer Straße in Richtung Amöneburger Kreisel lange Staus. Die (vermeintliche) Ursache ist schnell ausgemacht: die parallel laufende, temporäre Busspur. Schließlich ist da noch Platz. Wie oft ist die einfache Antwort aber nicht immer die richtige.

Die eigentliche Ursache für den Rückstau auf der Mainzer Straße in Richtung Amöneburger Kreisel ist nicht die Busspur, sondern die nachfolgende Kreuzung Mainzer Straße/Kasteler Straße/Breslauer Straße. Die Kreuzung kann die große Zahl an Rechtsabbiegern in die Kasteler Straße aus mehreren Gründen nicht hinreichend abwickeln; in der Folge entstehen spürbare Rückstaus auf der Mainzer Straße. Das werden wir im folgenden Artikel aufzeigen, belegen und mit Lösungsvorschlägen versehen. Am effektivsten scheint ein Grünpfeil bzw. eine Rechtsabbiegeampel.

Um den Verlauf des dortigen Staus auch nach Maßnahmen seitens der Stadt valide bewerten zu können, haben wir den Bereich in die automatische Analyse des Wiesbadener Stauindex aufgenommen.

Temporäre Busspur: Gekommen, um zu bleiben?

Nach dem Kollaps der Salzbachtalbrücke wurden im Juli 2021 rund um den Amöneburger Kreisel temporäre Busspuren eingerichtet. Diese sollten trotz der erheblichen Verkehrsprobleme einen vergleichsweise stabilen Betrieb der ohnehin stark geforderten Buslinien und des Fahrzeiten des Schienenersatzverkehrs zwischen Wiesbaden Hauptbahnhof und Ost gewährleisten. Während die Busspur zwischen dem Kreisel und der Kasteler Straße wegen ausbleibendem Erfolg nach einigen Tagen wieder verschwand, blieb die Busspur in Richtung Kreisel bis heute bestehen.

Die Züge vom Hauptbahnhof fahren wieder, die (weiterhin als temporär bezeichnete) Busspur bleibt vorerst bestehen, um trotz des erheblichen Verkehrs ein Durchkommen der Linien 3, 33 und 6 zu ermöglichen. Ob die Busspur nach Eröffnung der neuen Salzbachtalbrücke bleibt, will das Verkehrsdezernat von den Erfahrungsberichten der ESWE Verkehr und den zuständigen Gremien abhängig machen.

Die aktuelle Verkehrslage lt. Google Maps am 14. März, 07:21 Uhr.
Die aktuelle Verkehrslage lt. tomtom, 23. März, 13:30 Uhr.

Hauptverkehrsströme und Staubildung

Die Hauptverkehrsströme am Amöneburger Kreisel und der Kreuzung Mainzer/Kasteler Straße werden durch die fehlende Salzbachtalbrücke bestimmt. Ein erheblicher Teil der zuletzt täglich 90.000 Fahrzeuge auf der Brücke wälzt sich nun über zwei alternative Routen: über den 2. Ring oder eben über die Kasteler Straße. Dadurch ergeben sich die in der Grafik dargestellten (und durch intensives draufgucken bestätigten) Hauptverkehrsrichtungen.

Hauptverkehrsrichtungen im Bereich Amöneburger Kreisel und Kasteler Straße

Parallel zu der Busspur auf der Mainzer Straße Richtung Kreisel kommt es im Tagesverlauf zu erheblichen Staus, auch zu eher ungewöhnlichen Zeiten. Hier sorgt – wie bereits zuvor beispielsweise auf dem 1. Ring – für Unmut unter Autofahrern, dass diese im Stau stehen, während die Busse deutlich freiere Fahrt haben. Auch deshalb nutzt eine erhebliche Zahl an Autofahrern unerlaubterweise die Busspur – zumindest, solange keine Polizei vor Ort ist. Weil vorn wieder auf die Autospur eingeschert werden muss, werden zwar individuell ein paar Minuten gespart – allerdings auf Kosten des Busverkehrs und ohne Vorteile für den Autoverkehr insgesamt.

Die reine Anwesenheit sorgt für stabileren ÖPNV: Links mit Verkehrspolizei, rechts ohne. Zwischen beiden Fotos vergingen keine 30 Minuten.

Stau ist grundsätzlich dort zu lösen, wo er entsteht. Und der Stau auf der Mainzer Straße in Richtung Süden endet nicht am Amöneburger Kreisel, sondern setzt sich hinter ihm in Richtung Kasteler Straße fort. Hier ist auffällig, dass der Bereich bis zur Ampel von wesentlichen Verzögerungen geprägt ist, während alle weiterführenden Straßen Kapazitäten haben (=grün erscheinen). Die Ampel an der Kreuzung Mainzer Straße/Kasteler Straße lässt schlichtweg zu wenige Fahrzeuge abfließen.

Die aktuelle Verkehrslage lt. GoogleMaps im Tagesverlauf des 14. März 2022 (Montag).

Das Kreuz mit der Kreuzung

Eindeutigster Indikator dafür ist die geschilderte, live zu beobachtende Verkehrslage an der Kreuzung – sei es auf Basis von GoogleMaps oder TomTom. Aber auch an der Kreuzung selbst ist das Phänomen beobachtbar – am Ende der Grünphase sind Geradeaus- und Linksabbiegespur oft leer, die Rechtsabbiegespur auf die Kasteler Straße aber weiterhin zugestaut.

Fehlender Rechtsabbieger

Der erst vor sechs Jahren grunderneuerte „Knotenpunkte Mainzer Straße/Kasteler Straße/Breslauer Straße“ ist – eigentlich – recht leistungsfähig. Die wegführenden Straßen sind allesamt mehrspurig, die zuführenden Straßen verfügen über drei bis vier Spuren. An drei der vier Ecken verfügt die Kreuzung außerdem über freilaufende Rechtsabbieger  – also separate Fahrspuren, die das Rechtsabbiegen an der Ampel vorbei ermöglichen. Ausgerechnet an der Ecke mit den jetzt stärksten Abbiegeverkehren fehlt eine freie Abbiegespur aber.

Die Fahrbahnen des Knotenpunktes „Mainzer/Breslauer/Kasteler Straße“ und ihre Ampeln (rot). Drei der vier Ecken verfügen über freilaufende Rechtsabbieger.

Ampeln und Ampel-Schaltungen

Die vier Ampelphasen der Kreuzung. Sie sind bereits signifikant unterschiedlich lang, um den verschieden starken Verkehrsströmen Rechnung zu tragen.

Ohne freien Rechtsabbieger hängt der Verkehr an der Ampel und deren Schaltung. Und hier werden weitere Knackpunkte offenbar: Zwar verfügt die Kreuzung – vorbildlich – aus allen vier Richtungen über dedizierte Abbiegespuren. Die Ampeln selbst können diese Abbiegespuren aber nicht separat signalisieren. Abseits vom „Pauschalgrün“ können diese derzeit keine einzelnen Abbieger freigeben. Hinzu kommt, dass sich die starken, links abbiegenden Ströme auf die Ampelschaltungen auswirken. Wenn viele Fahrzeuge in einer Ampelphase links abbiegen sollen, muss der Gegenverkehr rot haben. In der Folge hat derzeit immer nur genau eine der vier zuführenden Straßen grün. Das verlängert die gesamte Umlaufzeit, also die Dauer eines Ampelzyklus, deutlich. Im Falle dieser konkreten Kreuzung dauert ein Umlauf stolze 120 Sekunden.

Lösungsansätze

Mit Eröffnung der neuen Salzbachtalbrücke entschärft sich die Situation ohnehin drastisch; bis dahin vergehen aber noch lange, stauvolle Monate. Das Aufzeigen der Problempunkte führt aber direkt zu einer Reihe Lösungsansätze. Diese sind:

  1. Anpassung der Ampelphasen
  2. Zweispuriges Rechtsabbiegen markieren
  3. Installation eines Grünpfeils
  4. Installation eines Grünen Pfeils
  5. Bau einer freilaufenden Rechtsabbiegespur

1. Anpassung der Ampelphasen

Derzeit ist die Grünphase vom Kreisel kommend 30 Sekunden lang. Eine längere Phase ließe mehr Autos abfließen und wirkt so staureduzierend – allerdings zulasten der Gesamt-Umlaufzeit und damit zulasten der anderen Fahrtrichtungen. Mit Digi-V sollte das recht einfach gehen – je nach Tageszeit könnten sich hier auch verschiedene Zyklen empfehlen.

2. Zweispuriges Rechtsabbiegen markieren

Derzeit existiert nur eine Rechtsabbiegerspur vom Kreisel kommend in die Kasteler Straße. Mit einer zweiten Rechtsabbiegespur kommen pro Grünphase mehr Fahrzeuge über die Kreuzung. Auch, wenn sich die Kasteler Straße nach ca. 60 Metern auf eine Spur verengt, fließen so mehr Fahrzeuge ab. Allerdings führt diese Variante angesichts des doch recht großen Anteils an LKW-Verkehren (die bei Rechtsabbiegen beide Fahrspuren benötigen) vermutlich zu einer Vielzahl gefährlicher Situationen.

3. Installation eines Grünpfeils

In Wiesbaden zugebenermaßen wäre er ein Exot: das StVO-Zeichen 720 – der Grünpfeil. Er erlaubt nach vorherigem Anhalten und unter Beachtung der Vorfahrt das Rechtsabbiegen an roten Ampeln. Die Auflagen sind durchaus streng und die Genehmigungsbehörden zurückhaltend. Grünpfeile erhöhen – nicht zuletzt wegen des häufig regelwidrigen Verhaltens der Autofahrer an diesen Pfeilen – das Unfallrisiko für Fußgänger und Radfahrer spürbar. Aufgrund des geringen Fußverkehrs an dieser Kreuzung sollte die Option aber zumindest geprüft werden.

Ein Grünpfeil erleichtert das Rechtsabbiegen. (Bild: Abenteurer Morane, Grüner Pfeil, CC BY-SA 3.0 )

4. Installation eines Grünen Pfeils

Ein Grüner Pfeil ist – im Gegensatz zum Grünpfeil – kein permanentes Blechschild, sondern Teil der Ampel. Durch die Ergänzung einer Rechtsabbieger-Ampel ließen sich deutlich mehr Fahrzeuge abwickeln, ohne die Nachteile des klassischen Grünpfeils in Kauf nehmen zu müssen. Während der 40-sekündigen Grünphase „D“ ließe ein Grüner Pfeil konfliktfrei doppelt so viele Autos abfließen wie im Status Quo.  

Ein grüner Pfeil kann zusätzlich zur Hauptampel das Abbiegen zulassen – wie hier an der Kreuzung Biebricher Allee und Äppelallee.

5. Bau einer freilaufenden Rechtsabbiegespur

Mit dem Bau einer freien Rechtsabbiegespur (analog zu den anderen drei Ecken der Kreuzung) ließe sich die Anzahl der Fahrzeuge, die rechts abbiegen können, drastisch erhöhen. Das ist aber die aufwendigste Lösung – und abgesehen von den Kosten, der Flächenversiegelung und den nicht geklärten Platzverhältnissen dürften die Zeitbedarfe für Planung und Bau dafür sorgen, dass diese Lösung nicht spürbar vor der Salzbachtalbrücke selbst fertig würde.

Exkurs: Wann ergibt die Abschaffung der Busspur Sinn?

Vor dem Engpass „Kreuzung Kasteler Straße“ muss der Verkehr durch schon einen weiteren Flaschenhals: Die Ausfahrt vom Kreisel in Richtung Kasteler Straße ist nur einspurig. Schon deshalb brächte die komplette oder teilweise Aufhebung der Busspur keinen Vorteil für den MIV: Dadurch würde der Stau zwar kürzer, aber breiter und langsamer. Solang die beiden Flaschenhälse nicht mehr Fahrzeuge abwickeln können, verändert sich die Fahrtzeit für den Autoverkehr dadurch nicht. Ohne Vorteile für den Autoverkehr zu bringen, schädigt diese Maßnahme dem ÖPNV. Es gibt allerdings drei Szenarien, in denen die Aufhebung der Busspur, ganz oder teilweise, Vorteile für den gesamten Verkehrsfluss haben kann.

Erstens: eine zweispurige Ausfahrt aus dem Amöneburger Kreisel in Richtung Kasteler Straße

In dem Szenario könnten aus der Mainzer Straße Fahrzeuge auch dann rechts Richtung Kasteler Straße abbiegen, wenn im Kreisel noch Fahrzeuge vom Knettenbrech-Weg oder der A671 aus Süden kommen. Kommt keines, ließe sich sogar zweispurig parallel abbiegen. Dazu müsste allerdings nicht nur die Fußgängerinsel abgebaut und diverse Markierungen verändert werden – auch der Gegenspur würde dann eine Spur abgeluchst. Vielleicht stellt das unterm Strich dann eine Verbesserung dar – vielleicht auch nicht.

Zweitens: nennenswerte Ströme geradeaus oder nach links

Gäbe es am Kreisel aus der Innenstadt kommend nennenswerte Ströme geradeaus (auf die A671) oder nach Links (Ferdinand-Knettenbrech-Weg), könnte eine Aufhebung der Busspur zur Entflechtung der Verkehre vorteilhaft sein. Rechts abbiegende Verkehre könnten sich dann auf der rechten (jetzigen Bus-)Spur stauen, der Verkehr geradeaus und nach links dann ungehindert fließen. Hauptverkehrsrichtung ist aber das Rechtsabbiegen. Geradeaus fahrende Fahrzeuge existieren hier kaum (weil die direkt über die Brücke der A671 fahren). Die Zahl links abbiegender Fahrzeuge ist derart klein, dass Google den Knettenbrechweg nicht einmal mit einer Verkehrslage einfärbt.

Drittens: Der Rückstau ist derart lang, dass er andere Verkehr an der Auffahrt auf die A671 oder gar der A66 hindert

In dem Fall hat eine Verkürzung und Verbreiterung des Staus durch Aufhebung der Busspur Vorteile – für alle Fahrzeuge, die dadurch dann ungehindert auf die Autobahnen auffahren können. Dieses Szenario mag in Einzelfällen eintreten; dass der Rückstau derart massiv ist, dass trotz der Mehrspurigkeit keine Auffahrt auf die A671 mehr möglich ist, dürfte aber eher eine seltene Ausnahme sein.


mathias

Aufgewachsen in Berlin, seit acht Jahren Wahl-Wiesbadener. Eigentlich Nordost, im Herzen aber Westend. Regelmäßiger Radler und Carsharing-Nutzer, beruflicher Verkehrsplaner (SGV). Faible für Daten, Karten und Grafiken.

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